7. Tag: Von Monjo über Namche Bazar nach Mende

Heute hieß es früh aufstehen, denn ein langer Tag stand uns bevor. Er sollte zum ersten Mal unsere Kondition herausfordern.

Nach dem Eintritt in den Everest Nationalpark, wo die eigentliche Khumbu-Region beginnt, trafen wir nach ca. 20 Minuten an der haushohen, schwindelerregenden Hillary Bridge ein. Eigentlich ist der Name irreführend, denn die Originalbrücke, die in den 60 -er Jahren durch Sir Edmund Hillarys Hilfsorganisation errichtet wurde, stand 100 Meter weiter vorn. Aber Hochwasser vernichtete sie, so dass eine neue Hängebrücke, die den Talboden wesentlich höher überspannt und dadurch mehr Schutz vor Hochwasser bildet, gebaut wurde. Den Namen Hillary Bridge hat man aber beibehalten.

Nach dem Passieren der Brücke begann der Ernst des Tages, der berüchtigte Steilaufschwung nach Namche Bazar. Auszug aus dem Trekkingführer Nepal:

"Die steile Rampe von Namche Bazar. 600 Höhenmeter türmen sich vor uns auf. Dieser Aufstieg kann ein harter Prüfstein sein, für einige Trekker bedeutet er sogar das Ende des Besuchs im Khumbu."

Wir liefen bewußt langsam auf dem sich steil nach oben schlängelnden Weg und bestaunten die vielen Träger mit ihren für uns unglaublichen Lasten, die den Weg bevölkern.

Die kleinen, zähen, hustenden Männer sind der Lebensnerv des Khumbu. Ohne sie gäbe es weder Tomaten noch Eier, keine Cola und kein Bier. Auch kein Bauholz oder Wellblech, welches für die wie Pilze aus dem Boden schießenden Teehäuser und Lodges benötigt wird. Langsam und stetig stapfen sie mit ihren hochbeladenen Körben voran. Ca 10 Rupien, etwa 8 Cent, erhalten sie pro Kilo und Tagesetappe, sehr hart verdientes Geld!

Magnolien und Rhododendren in Baumhöhe säumen den Weg.

Immer wieder begegnen uns, schön mit roten Schleifen und Bändern geschmückte Yaks. Genaugenommen handelt es sich bei den Yaks im Himalaya in der überwiegenden Mehrzahl nur um "Dzopkyos-Bullen", eine Kreuzung zwischen Yaks und Rindern oder um "Dzon-Kühe", die entsprechende weibliche Kreuzung. Darüber hinaus werden Yak-Kühe eigentlich Naks genannt.
Den meisten Touristen bereitet es jedoch große Schwierigkeiten, diese zotteligen Tiere auseinanderzuhalten, weshalb sie sie der Einfachheit halber alle Yaks nennen.
Erster faszinierender Blick auf den Mt. Everest !
Namche Bazar, die faszinierende Sherpahauptstadt, ist erreicht. Langsames Gehen und eine ordentliche Rast am Wegesrand ließen uns den Weg problemlos bewältigen. Die Akklimatisation der Vortage hatte sich bezahlt gemacht.
Namche Bazar liegt geschützt in einem Kessel eingebettet. Wie in einem Amphitheater ziehen sich die Gebäude terrassenförmig den Hang empor. Mit seinen blauen Dächern und dem lebhaften Treiben in den Gassen macht der Ort einen fröhlichen Eindruck.
Die ca 5.000 Einwohner sind durch den Tourismus zu bescheidenem Wohlstand gekommen. Die Sherpa-Hauptstadt hat über Jahre hinweg sehr vom Bergsteigen und Trekking-Tourismus profitiert. Außer Ausrüstungsgegenständen bieten die Läden absolut alles an, was Trekker benötigen. Gebrauchte Schlafsäcke, nachgemachte Marken-Jacken, Ghurku-Messer, Schmuck und Holzmasken findet man in den Läden, wobei das Angebot bei weitem die Nachfrage übersteigt.
Wer will, kann per Satellit problemlos nach Europa telefonieren oder bei "Hermann Helmers German Bakery" frische Zimtschnecken, Marmorkuchen oder Apfelstrudel essen. Ich war erstaunt, wie sich die deutschen Bäckereien seit dem Jahr 2001 in Namche Bazar vermehrt haben.
Sogar einen Bookshop gibt es, wo man seine ausgelesenen Bücher verkaufen und sich gleich mit neuer Lektüre wieder eindecken kann.
Im unteren Teil von Namche Bazar dreht das Wasser am Stupa große Gebetsmühlen, ohne Unterlass fließen die Lobpreisungen gen Himmel. Uns empfängt ein lebhafter bunter Markt. Es ist zwar nicht der berühmte Sonnabendmarkt, aber trotzdem wird auch hier gehandelt, was das Zeug hält. Für uns eine interessante Beobachtung, auch wenn wir den Verlockungen widerstehen und nichts kaufen.

Nach einer ausgedehnten Mittagspause verabschiedeten wir uns von Namche Bazar. Wir verließen jetzt den Hauptweg zum Everest und liefen in Richtung Thame weiter. Dadurch wurde es auch viel ruhiger, es waren deutlich weniger Trekker unterwegs.
Der Weg führte nach einem kurzen Anstieg aus dem Kessel von Namche heraus beschaulich ohne allzu große Anstrengungen weiter. Immer auf gleicher Höhe bleibend, ging es in's "Bhote Kosi Tal" hinein. Die Eisriesen "Nupla" und "Kongde Ri" tauchen auf.
Wachholderbüsche säumten den breiten Weg. Überall sah man seltene Pflanzen, auch Edelweiß war dabei.
"Nupla" und "Kongde Ri"
Am Nachmittag trauten wir unseren Augen nicht. Unsere zweite Lodge, hoch oben auf einer sonnigen Yakalm, tauchte auf. Aber wir befanden uns leider auf der anderen Seite des Tals. Das hieß - Abstieg und ein nochmaliger, mehrere hundert Meter hoher Anstieg lag vor uns. Und das, obwohl wir doch am Vormittag schon die "Steile Rampe von Namche Bazar" bewältigt hatten. Erst jetzt verstanden wir den Katalogtext: "Ein anstrengender Tag"!
Kazi ermunterte uns zum letzten Aufstieg, indem er mit fröhlichem Augenzwinkern den Vorschlag unterbreitete, hier in Mende einen Sessellift, ähnlich wie in den Alpen, zu bauen. Dieser Gedanke ließ uns vor Schreck erstarren. Den Himalaya zu erschließen, da nahmen wir doch lieber unsere Beine unter den Arm und liefen los.
Am späten Nachmittag erreichten wir die wunderschöne "Everest Summit Lodge Mende" in 3.730 m Höhe, ruhig gelegen über dem gleichnamigen Ort. Alle Anstrengungen waren vergessen.
Umgeben von strahlenden Gipfeln präsentierte sich uns die sonnige Terrasse, unser Lieblingsplatz. Gepflegte Blumenbeete rund um's Haus, ein Willkommensgruß aus Kieselsteinen und friedlich grasende Yaks auf dem Hubschrauberlandeplatz, das waren unsere ersten Eindrücke von der Lodge. Wieder herzlicher Empfang mit Tee und Kuchen vom gesamten Lodge-Personal, bevor es unter die wohlverdiente Dusche ging. In der Mende-Lodge gibt es wegen der Nähe zum Wasserkraftwerk Thame sogar Zentralheizung. Wir konnten uns auf wohlige Wärme freuen.

Zum Dinner wurde für uns buthanesisch gekocht, wir waren begeistert.
Nach dem Abendessen wurde uns von Schulkindern aus dem Nachbarort Thame Folklore dargeboten. Der Zweck der Aktion-die Schule sammelte Geld für einen zweiten Lehrer, der sich auch gleich Gitarre spielend vorstellte. Zum Abschluß wurde ein blumengeschmückter Teller auf die Erde gestellt, wo wir unsere Rupien großzügig spenden konnten.
Sorgen machten wir uns um den Heimweg der Kinder. Es war bereits 22 Uhr, draußen war es dunkel und eisig kalt und Thame lag zwei Stunden entfernt. Wie sollten wir unser Gewissen beruhigen, im Warmen sitzend und das mollige Federbett nur Schritte entfernt.
Als wir zwei Tage später in Thame einen der kleinen fröhlichen Tänzer spielend auf dem Feld trafen, winkten wir ihm zu.
Wir hatten ihn nicht vergessen.
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